
Momentaufnahme
Runterdrücken
Heute wird im Bundesland eine neue Regierung gewählt, in dem ich geboren wurde. Dafür arbeiten sich grad alle größeren Medien ab und Ergebnis ist eben auch dieses sehenswerte Provinsprofil Sachsen-Anhalts von Die Zeit. Ich habe mir einige dieser Produktionen angeschaut, aber diese möchte ich hier explizit empfehlen. Ich war letzte Woche für eine Familienfeier wieder mal dort und besonders die Wahrnehmung der alternden Bevölkerung ist jedes Mal eine Gewöhnung. Dies ist jetzt ein globales Problem, aber dort ist es heute sichtbar. Erschreckend.

Mein Schlüsselmoment hier ist folgendes Zitat in Minute 32:57.
“ … Leute wählen die AFD, nicht weil es Ihnen danach besser geht, sondern weil es anderen danach schlechter geht.”
Dies wiederum erinnert mich an eine Aussage, die ich Anfang des Jahres in einem Podcast hörte, sofort notierte und welche in die gleiche Kerbe schlägt.
“And sometimes power can be, I can knock you down. And it’s much easier to knock somebody down than it is to build something.”
Den eigenen Selbstwert virtuell zu steigern, indem man andere nach unten drückt, ist nicht nur ein sehr modernes Verhaltensmuster vieler, sondern auch etwas, was ich persönlich relativ früh im Leben selbst erlebt habe, und Freundschaft oder Sympathie im Allgemeinen hat sich für mich immer explizit mit dem Gegenteil definiert. Die Gruppe hätte mich damals nicht aufnehmen müssen. Ich hatte nichts an Mehrwert damals beizutragen, aber ich glaube, da haben einige eben über den Horizont hinaus geschaut. Das hat mich damals wie heute erstarren lassen vor Demut und Ehrfurcht.1
Ich weiß nicht, warum es zur Massenbewegung geworden ist, herunterzudrücken statt aufzubauen, zu zerstören statt zu kreieren. Es ist wohl einfacher. Einfach und bequem ist modern, nicht nur an der Wahlurne.
Aufmacherbild: Raffael – Die Schule von Athen (1510–1511) ↩
3 Kommentare
Ah. Sehr wichtige Einsicht. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass die Idee falsch ist, dass die AfD sich schon blamieren wird, wenn sie erstmal an die Macht kommt und dann nicht mehr gewählt wird. Warum konnte ich aber bisher nicht sagen. Das erklärt es aber sehr gut.
Das werden wir ja nun leider erleben, was Wunsch und Realität sein wird.
Das Grundsätzliche dieser Formel (Runterdrücken statt Hochziehen) ist meiner Meinung nach zum einen ein Effekt moderner Zivilisation, die in vielen Teilen essenzielle Bedürfnisse gelöst hat. Zum anderen von eben großen, meist von Techkonzernen gemachten Emotionen, die nie gute Entscheidungen treffen lassen. Sowas existierte zu meiner Lebenszeit schon immer, aber der Einfluss weniger auf so viele weite Teile der Bevölkerung war noch nie so fortgeschritten wie heute.
Das geht auch über das Politische hinaus. Dieses Anspruchsdenken, das sich hier in den letzten 20 Jahren in großen Teilen und so vielen Bereichen des Lebens etabliert hat, ist beängstigend.
120 Prozent sind schon lange nicht mehr genug.
Sehr gute Beobachtung, die »im Kleinen« beschreibt was mir ist schon 2016 zum Brexit und der ersten Trump-Regierung in ähnlicher Form durch den Kopf gegeistert und seit dem nicht mehr weg gegangen ist: »Zero Sum« vs. »Win Win« bzw. eingedeutscht »Nullsummenspiel« gegen »Sowohl-als-auch«.
»Jede Handlung ist ein Deal« beschreibt das Trumpsche Weltbild und das Nullsummenspiel recht einfach. Dem gegenüber steht in weiten Teilen die EU, die nicht mit Hard sondern Soft Power agiert, und (zumindest auf dem Papier) eine Politik des Miteinanders. Wenn man sich zusammenschließt und auf Augenhöhe begegnet, dann kann man gemeinsam etwas besseres für alle aufbauen.