
Momentaufnahme
Im Keller
Meine Angst vor dem Keller endete in dem Moment, als ich mein Fahrrad allein die Treppen hochtragen konnte. Da muss ich so 10 oder 11 Jahre alt gewesen sein und wir wohnten noch in einem Plattenbau. In jedem Eingang wohnten zehn Parteien, jeweils zwei auf jeder der fünf Etagen. Wir wohnten zu dieser Zeit in der fünften Etage. Meine Eltern haben uns, sobald es möglich war, kleine Aufgaben im Haushalt gegeben. Darunter fielen auch eben die Botengänge in den Keller, um zum Beispiel Konserven oder Kartoffeln nach oben zu holen. Und irgendwann war ich alt genug, dass mir diese wertvolle Aufgabe anvertraut wurde.
Der Keller bestand aus einem Vorraum, den man sich teilte und wo meist Dinge wie Fahrräder kurz geparkt wurden. Dort schloss ein Raum zum Trocknen von Wäsche an, wo wirklich niemand jemals Wäsche hängen hatte. Der andere anschließende Raum beinhaltete für jede Partei einen kleinen, abschließbaren, separierten Kellerbereich. Das hatte was von dieser Schweigen der Lämmer Szene, als Clarice zum ersten Mal Lecter besucht. Unser kleines Kellerabteil war aber relativ weit vorn.
In der dritten Etage im Haus wohnte ein ungleiches Paar, mit einem kleinen Mann und einer weniger kleinen Frau. Sein Name war nur als Kilian für mich bekannt. In meiner Erinnerung wirkte er immer wie Sammy Davis Jr., denn er war meist sehr adrett gekleidet1. Er war immer nett, grüßte höflich und trug fast immer lange Kleidung, selbst wenn es viel zu warm dafür war. Eines Tages tat er das nicht und ich sah Schürfwunden und auch Prellungen an den Armen, manchmal hatte er sie auch im Gesicht. Als ich meine Eltern darauf ansprach, begründeten sie das mit einem gewissen Ungeschick des Herren, denn Kilian trank gern und viel und selten Wasser. So richtig verstand ich das damals nicht, aber der Typ wirkte harmlos und das war er auch.
Als ich wieder einmal was aus dem Keller holen sollte, war schon unten was zu hören. Es spielte ein Kofferradio, aus einer der Boxen, deren Besitzer mir nicht klar war. Recht schnell schaute ein Kopf aus der Box heraus und erkannte mich und ich ihn. Es war Kilian. Er bat mich kurz zu sich, was ich auch sorglos tat. Er wirkte anders als sonst und die leeren Flaschen auf dem Boden waren die einfache Begründung.
Die Dinge liefen nicht so gut für ihn und sein kleiner Urlaub vom furchtbaren Alltag war der Gang in den Keller, wo er sich mit Bier und Korn die Wahrnehmung versüßte. ”Die trinke ich jetzt noch aus und dann gehe ich hoch und bringe sie um.” Er hatte immer den gleichen Plan und der beinhaltete mindestens bewussten Totschlag oder Mord seiner Partnerin. Ich ging mit meinen Kartoffeln wieder nach oben und ließ ihn mit seinem Plan allein, den ich oben natürlich berichten musste. Das wurde schnell abgetan als kalter Kaffee. Offenbar wussten alle außer mir von Kilians Alltag.
An dem Tag lernte ich auch, woher seine Prellungen kommen, denn sein Plan ging wieder nicht auf und statt seiner Partnerin bezog er von ihr selbst wieder und wieder eine massive Abreibung. Das hörte man bis in die 5. Etage hoch. Teilweise rief jemand die Polizei, wenn die Geräuschkulisse zu viel Realität für alle verursachte. Wir wohnten dort noch ein paar Jahre und in denen saß Kilian sehr oft in seinem Kellerabteil und schmiedete einen neuen Plan. Keiner davon verlief zu seiner Zufriedenheit.
In den letzten Schuljahren sah ich ihn sehr sporadisch noch mal auf der Straße. Er grüßte weiterhin nett, lächelte immer und hatte, schon den nächsten Kellerplan im Kopf.
Aufmacherbild: The Absinthe Drinker – Édouard Manet (1859) ↩
1 Kommentar
Puh.
<UberBlogr Webring>Datenschutzerklärung
CC © 2004–2026 C.MückeZurück zum Seitenanfang