
Gelesen
Jason Schreier – Play Nice
Vierzig Minuten vor Jahresende dann doch noch ein weiteres Buch beendet: Play Nice: The Rise, Fall, and Future Of Blizzard Entertainment Oh ja, dieses Silvester war pures Rock ’n’ Roll mit Buch, Bett und Tee. Allerdings hat mich dieses Buch die letzten Tage gefesselt und es lag viel zu lang ungelesen auf dem Couchtisch.
Mein erster Blizzard Titel war damals The Lost Vikings auf dem Amiga. Anschließend Blackthorne auf dem Super Nintendo und schließlich Warcraft. Bis auf Diablo II. und Starcraft II. habe ich alle Titel dieses Studios gespielt und einige über Jahre gelebt. Ich bin fast die perfekte Zielgruppe für dieses Buch. Blizzard sah ich immer als eine Art Apple für das Medium Videospiel. Soll heißen: Sie haben niemals sehr selten etwas wirklich Innovatives kreiert, aber sie haben ein glückliches Händchen bei der Auswahl an Vorlagen und viel Talent, diese Vorlagen so lange zu verbessern, bis diese massentauglich geworden sind. Und bevor jemand schreibt: „Aber Diablo!“ Für mich ist Diablo nur ein poliertes Gauntlet.
Play Nice beschreibt die ersten Tage des Studios und seiner Gründer und erzählt die Geschichten um Titel und Menschen, die sie kreiert haben und weiter kreieren. In der zweiten Hälfte richtet sich der Fokus eher auf die wechselnde Kultur, nach Wechsel der Eigentümer und endet kurz nach der Übernahme durch Microsoft. Zwei weitere wichtige Themen, an denen sich das Buch abarbeitet, sind die schlechten Löhne und ein frauenfeindliches Arbeitsklima, welches schließlich vor ein paar Jahren eskalierte. Hier kamen mir einige Details leider sehr bekannt vor.
Dies alles entstand durch Interviews, und an Stellen konzentriert sich das Buch dann auch für mehrere Seiten auf eine Person, auch ohne sich dabei in zu vielen Details zu verlieren, die Leser wie ich vielleicht erwartet haben, aber am Ende ist es ein Buch für normale Leser und nicht für jemanden, der Hunderte Stunden in EverQuest und World of Warcraft Foren verbracht hat.
Ich habe ein paar neue Details gelernt. Lost Vikings war der Versuch, Lemmings besser zu machen, Diablo 4 war wohl wirklich mal ein Souls-like und Hearthstone war eigentlich mehrfach gecancelt. Was ich noch bestätigt gelesen habe? Videospiele sind eine echt wirklich deprimierende Industrie geworden, wo viele Erschaffer der ersten Generation irgendwann lernen mussten, dass es hier doch um schnödes, endloses, surreales Wachstum geht und weniger um Spaß. Das Buch skizziert einige eingestampfte Titel, die es nicht geschafft haben, ein milliardenschweres Business-Modell mit PowerPoint-Slides zu pitchen.
Insofern ist Play Nice ein tolles Dokument, um nachzuverfolgen, wann und wie diese Industrie, Kreativität und Spaß als Fokus aufgegeben hat. Das klingt jetzt mies, ist es auch. Für alle Fans dieses Mediums sei Play Nice mehr als empfohlen.
2 Kommentare
Lost Vikings! Alter! An das Spiel habe ich 3000 Jahre nicht gedacht, hihi. Danke für den unfassbaren Flashback am Sonntag!
In der Sache und aus Neugier, weil ich kaum was darüber weiss: Wie sieht denn der „Fall“ von Blizzard aus? Von der archaischen Firmenkultur hatte ich latürnich vorher schon gehört Ich vermute sie haben auch mit Hearthstone und Diabolo III nicht die fallenden Abo-Zahlen von WoW kompensieren können und die Dinge nicht gemütlicher gemacht, im Hause Blizzard, was?
Aus Blizzard wurde mit dem Verkauf von Vivendi zu Activision aus einem riesigen finanziellen Hai ein kleiner Goldfisch. Plötzlich mussten sie mit F2P-Mobiltiteln finanziell um die Gunst von Budgets konkurrieren. Sie haben mit DOTA komplett einen riesigen Markt verschlafen, den sie quasi selbst initiiert haben. Ein Nachfolger zu World of Warcraft verliert sich nach Jahren Entwicklung und hunderten Millionen im Nichts, auch ausgelöst von zu vielen Köchen und einem falschen Stolz und zu großen Egos der zu vielen Köche.
Währenddessen verloren sie viele Talente an die Konkurrenz, weil sie es nicht schafften, kompetitive Gehälter zu zahlen. Anschließend fehlte einfach das Wachstum bei bestehenden und neuen Titeln, allerdings ist das ein globales Problem der Industrie, weshalb die Erwartungen aller absolut surreal sind und wieso alle nur noch nach Walen fischen, weil da eventuell noch Potenzial für Wachstum ist.
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