
Angehört
Brandy – Afrodisiac
Letzte Woche war ich beruflich wieder etwas unterwegs und da kam mir ein recht altes, tolles Album in die Ohren, das mir zugegebenermaßen recht gut den Stress des Bahnfahrens ausgeglichen hat. 2003s Afrodisiac hat viele Ähnlichkeiten mit Deliverance. Es ist ein kommerziell untergegangenes Werk, das erst lange später die Wahrnehmung und den Respekt einsammelt und heute seinen Status als verdammt gutes Album etabliert hat. Es ist auch eine Blaupause für Loose, aber der Reihe nach.
Afrodisiac erschien zwei Jahre nach Aaliyahs Tod. Zweifellos eine Muse dieses Produzenten und in Nachbetrachtung wohl auch mehr. Brandy hatte mit diesem Album damals diese unmögliche Aufgabe, genau diesen Gedanken verschwinden zu lassen: „Das ist ja eigentlich ein Aaliyah-Album und sie nur Lückenfüller.“ Das war damals schon falsch und ist es heute umso mehr. Es ist thematisch ein Quarter-Life-Crisis-Album, finde ich. Es dreht sich 70% um romantische Beziehungen und die Frage, wie sich ein R&B-1-Hit-Wonder Anfang der 2000er neu erfinden kann.

Dafür mag ich Afrodisiac sehr, aber noch mehr ist dies eine Art Zäsur für diese Produktion von Timbaland. Hier geht eine und vielleicht die für mich spannendste Phase seiner Karriere zu Ende. Es ist diese absurde Mischung aus Kreativität mit technischer Präzision. Ein Beat dieses Albums, hat mittlerweile über Umwege einen Weg in die Ewigkeit gefunden und zwar als eine von mehreren Optionen für einen anderen Künstler, der hier gerade Probe hört. Dieses Video ist relativ legendär mittlerweile:

Was Jay-Z hier schnell überspringt, wurde zu Come as you are sicherlich nicht dem einzig recycelten Beat hier, und fast alle Lieder sind Timbaland-Produktionen, weshalb ich mir das auch noch 20 Jahre später anhöre. Irgendwie klingt das noch 20 Jahre später nach Zukunft. Die Struktur ist klassisch: Afrodisiac startet als Mid-Tempo-R&B, wechselt in der Hälfte zu wenigen schnelleren Liedern, um am Ende melancholisch langsam zu enden. Das klingt alles nach einer sehr angenehmen rhythmischen Kurve, vielleicht schon einen Hauch zu kalkuliert.

Ich mag die wenigen, aber versiert gesetzten Instrumente hier. Ja, in dieser Phase seiner Produktion dominierten Synths, aber eben hier und da auch Streichinstrumente, Orgel, Gitarre und Piano. Diese Mischung, in einem R&B-Rahmen, macht das Album bis heute zu einem tollen Erlebnis. Selbst das Coldplay-Sample-gestützte letzte Lied des Albums, das vielleicht einen Hauch zu sehr den Aaliyah-Faktor einsetzt, ist jetzt allein für seine Multi-Track-Stimmen ein Erlebnis. Überhaupt besitzen besonders die Timbaland-Lieder eine Räumlichkeit, die eher selten geworden ist in modernem Pop.

Ich vermute, ich bin einfach grad in einer richtigen Laune für Afrodisiac. Es ist kein brachiales Meisterwerk, aber ein noch immer toll klingendes Pop-R&B-Album der frühen 00er mit ein paar Motiven und Themen, die mir grad mental, in die Karten spielen. Dass ich aber nach solch langer Zeit noch immer neue Details heraushöre, ist ein Grund, warum ich wieder und wieder in diese musikalische Zeit zurückkehre.
Natürlich gibt es dafür den Daumen nach oben.
0 Kommentare