
Live erlebt
Königsklasse – Konzert in Leipzig
Nach einiger Vorfreude und steigender Nervosität war es am Samstag so weit. Im Felsenkeller in Leipzig wurde nostalgisch 90er-Hip-Hop aus Deutschland gefeiert. Königsklasse als Format funktionierte dann doch anders, als ich dachte, besser sogar. Mit teilweise wechselnder Besetzung gaben sich diesmal das Mikro in die Hand: Ferris MC, MC Rene, Cora E & Stieber Twins, Toni-L & Torch. 18 Uhr war Einlass, pünktlich 19 Uhr ging es los und 23 Uhr war der Abend vollendet. Alle Künstlerinnen und Künstler hatten ihre eigenen 30- bis 45-Minuten-Segmente. Dazwischen waren Pausen. Die Demografie war gemischt, aber als der erste Künstler direkt eine kurze Umfrage startete, war klar, dass meine Altersgruppe den Saal dominierte. Kaum jemand unter 30, die meisten über 40 und noch mal geschätzte 20% des Saals über 50. Das hatte auch seine Vorteile. Ich hab niemanden wahrgenommen, der maßlos agierte, und mehr als auffällig: eher selten zückten alle ihre Smartphones. Man genoss den Moment.
Schon vor dem eigentlichen Star musste ich grinsen, denn DJ Mirko Machine wärmte den sich füllenden Saal auf. Anschließend ging es mit Ferris MC um 19 Uhr los, dem Enfant terrible des deutschen Rap. Heute, 20 Jahre später, verweigerte er mit toller Ansprache das Päckchen Gras, was ihm jemand auf die Bühne gab. Für mich vielleicht der beste Moment des Abends. Ich war nie der große Ferris-Fan, aber er war und ist ein echter Charakter, und wenn jemand mit solch einer Geschichte stolz über seine 20 Jahre Abstinenz plaudert, verdient das meinen Respekt. Seine Songauswahl war solide und DJ Stylewarz ist eben auch eine sichere Bank in 2026.
Nächster auf der Bühne? MC Rene. Hier konnte ich etwas weniger mit anfangen. Bonuspunkte für seine Freestyle-Segmente und seine rotznasige Chuzpe, das eigene neue Buch direkt anzuwerben. Ich war und werde jedoch kein MC-Rene-Fan werden, fürchte ich.

Es folgte die Dame des Abends, Cora E in Begleitung der Stieber Twins. Spätestens hier war Liebe nicht nur auf der Bühne, sondern auch im gesamten Saal. Bonuspunkte für eine Cora-E-Strophe bei Malaria. Wieso zur Hölle ist diese Dame nicht populärer und erfolgreicher gewesen? An diesem Punkt jedoch schwächelte der Klang etwas. Die Stiebers rappen meist gleichzeitig synchron und ich weiß nicht genau, was es war, aber darunter litt die Soundqualität und die Texte wurden etwas schwieriger zu verstehen. Der Sound insgesamt war gut für die wenigen brutalen Lautsprecher im Saal, aber gegen die Lautstärke hatte ich meinen Schutz dabei. Frage mich wirklich, wie man das ohne erträgt. Alles an dieser Kombination auf der Bühne funktionierte makellos. Selbst Familia lief und bei Schlüsselkind erhellten primär nur Smartphone-Taschenlampen den Saal.
Bis zu diesem Punkt des Abends suchte ich mir immer einen guten Platz an den erhöhten Seiten des Saals. Für das Finale jedoch wollte ich direkt vor die Bühne, denn es war klar, was folgte. Und was soll ich schreiben? Es war alles, was ich erleben wollte, und mehr. Torch und Toni-L sind ein nationaler Schatz dieser Kultur und beide wie auch der Rest waren geladen und motiviert, gut abzuliefern. Beim Finale kamen schließlich noch mal alle, die noch vor Ort waren, auf die Bühne und beobachteten in voller Ehrfurcht, Stolz und purer Freude, was Advanced Chemistry noch so knapp 40 Jahre später draufhaben. Besonders Toni-L scheint kaum zu altern und legt einen Flow an diesem Abend hin, der mir Gänsehaut verursachte.
In kleinen Dosen ist Nostalgie vielleicht doch nicht so übel. Hip-Hop zeigte sich an dem Abend von der schönen Seite. Daumen hoch für Königsklasse und ich freue mich schon, in 4 Wochen für KRS-One wieder dort zu sein.
Ich bin froh, dort gewesen zu sein, und nach den miesen letzten Monaten waren diese 4 Stunden etwas Balsam auf meiner Seele.
Danke.
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