
Angehört
Torch – Blauer Samt
Wenn alles gut geht, darf ich in der kommenden Woche ein paar der musikalischen Idole meiner Jugend live sehen. Passend dazu reaktiviere ich derzeit ein paar Eindrücke und dazu gehört auch das heutige Album von Torch: Blauer Samt, ist nicht nur ein Albumtitel sondern auch ein David Lynch Film, der tatsächlich Inspiration für dieses Album war. Ein kurzer Gedanke zuvor. Auch wenn ich noch immer großer Fan dieses musikalischen Genres bin, so höre ich fast ausschließlich Künstler der älteren Generation und so gut wie keine neuen Vertreter, auch weil ich hier nicht mehr Zielgruppe bin und der Klang aktueller Veröffentlichungen dieses Genres für mich sehr langweilig und monoton klingt. Wenn ich dann also im Rahmen des Eintrags schreibe, dass Blauer Samt für mich das beste und kompletteste deutsche Album dieses Genres ist, dann beinhaltet diese Aussage auch, dass ich seit sicher 15 Jahren kein Album mehr eines deutschsprachigen Hip-Hop-Künstlers gehört habe. Das ist mein Kontext.
Torch war mir schon zuvor als Teil von Advanced Chemistry und als treibende Kraft, als Architekt der Bewegung in Deutschland, bekannt. Irgendjemand aus der Heidelberger Schule war immer involviert und meist auch Gast beim Battle of the Year. Daher kannte ich den Namen Torch. 1993 kam dann mit Alte Schule ein Album raus, das ein Lied von ihm allein beinhaltet: Kapitel 1. Ein Lied, dessen Zeilen sich bei mir so manifestiert und irgendwo dann auch mein Leben definiert haben. Ich erinnere mich noch an eine Hausaufgabe im Deutschunterricht. Marcel hat dafür Kapitel 1 als Lyrik analysiert.
Alte Schule, der Titel ist nicht grundlos gewählt. Zu dieser Zeit überschwemmte eine hippe neue Gruppe namens Die Fantastischen Vier die deutschen Musikcharts, brachte Hip-Hop in jedes zweite Wohnzimmer des Landes, nahm für viele Fans der Kultur die Seele weg und verkaufte sie für ein paar Millionen Deutsche Mark. Die Gegenbewegung dazu waren Sampler wie Alte Schule und Songs wie Kapitel 1. Natürlich war ich sofort ein noch größerer Fan.
Es sollte lange dauern, aber 2000 dann endlich ein ganzes Album. Blauer Samt ist bis heute sein einziges Soloalbum und wieso auch nicht, denn hier findet sich nichts weniger als das vollständigste Werk im deutschsprachigen Rap. Blauer Samt ist so gut und altert noch besser. Und womit eröffnet das Album? Natürlich mit Kapitel 29 und einem Kinski-Zitat:

Zu dem Zeitpunkt war er auch 29 Jahre alt und schon in diesen jungen Jahren der weise Prophet der Jugendkultur in Deutschland. Und genau das merkt man dem Album auch an. Es ist kein Sturm und Drang, es ist ein Zurücklehnen und Entspannen. Ein Zelebrieren des Nichts-mehr-beweisen-müssens. Stattdessen ein Feiern des eigenen Status quo, den er bis heute zu genießen scheint. Und so wirkt das Album wie ein Erstlingswerk und Abschluss in einem. Mehr als 20 Jahre später kann ich auch als Fan schreiben: gut so. Blauer Samt ist alles, was es sein muss. Es ist der Klassiker, den ich erwartet habe, und ich gebe zu, 2000 war ich noch nicht bereit für die wahre Tiefe dieses Albums.
Ich kann hier nur schwer einzelne Lieder picken, denn das ist so ein Werk, welches vom ersten bis zum letzten Lied eine konsistente Geschichte erzählt. Nur eines muss ich extrahieren: Toni Ls Gastauftritt bei Wir waren mal Stars ist nichts anderes als das Lässigste, was deutscher Rap jemals gesehen hat. Das ist unser Rakim.

Blauer Samt klang auch schon zur Zeit seiner Veröffentlichung nach klassischer Produktion. Schon 2000 war Boom Bap eher vorbei und Produktionen wurden synthetischer. Viele der Lieder klingen so klassisch zeitlos, damals wie heute. Das Album kreiert auch eine gewisse Melancholie. Torch hat nie den kommerziellen Erfolg gesehen, den er sich erarbeitet hat, aber er wirkt in aktuelleren Interviews so gewachsen, dass dies nie seine Motivation war. Er badet im Respekt von mehr als einer Generation Fans.
Blauer Samt ist die Referenz.
Ich hab mir auch im Rahmen dieses Eintrags ein paar Interviews mit ihm angeschaut und es gibt so Personen, die tragen mit jeder gesprochenen Silbe ein gewaltiges Gewicht auf den Schultern und das mit ganz viel Stolz. Frederik Hahn ist so jemand und Sprache ist heute halt einfach etwas anderes.
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