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Gedanken am Mittagstisch
  • Mi., 25. Februar 2026
  • 5 Kommentare

Momentaufnahme

Gedanken am Mittagstisch

Zwei- oder dreimal die Woche genieße ich ein gemeinsames Mittagessen mit Freunden in der Stadt, wenn es der Arbeitstag bei jedem zulässt. Die Runde wechselt immer mal. In der Regel lamentiert man über die Arbeit, den Tag an sich und manchmal auch über Tagesaktuelles. Wenn die Runde klein ist, kommt manchmal auch das ein oder andere eher Private auf den Tisch. Letzte Woche war Klarnamenpflicht im Internet ein Thema. Eine aktuelle Sau, die mal wieder durchs mediale Dorf getrieben wird.

Es gab wie immer Pro und Kontra, recht gleichmäßig verteilt, und auf die Details der Diskussion möchte ich fast nicht eingehen, aber definitiv auf ein zentrales Thema, das ich spätestens seit den Covid-Jahren vor mir hertrage. Ich glaube, das mal in einem Reddit-Thread aufgeschnappt zu haben, auf die Frage, was man aus der Pandemie gelernt hat, und eine Antwort war sinngemäß, dass man sich zur Rettung der Menschheit nicht auf die Intelligenz der Masse verlassen darf. Was hat das mit Klarnamenpflicht zu tun?

Nun, mein Vergleich am Mittagstisch war diese neue „Regel“, dass Plastikdrehverschlüsse seit einiger Zeit fest mit der Flasche verbunden sind. Ich habe zu meiner Lebenszeit nicht einen einzigen Plastikdrehverschluss getrennt von der Flasche entsorgt. Nicht einen einzigen. Wieso sollte man das auch? Aber offensichtlich tat eine kritische Masse genau dies und die einzige Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, ist es, dafür alle zu regeln und gefühlt jene zu bestrafen, die nie einen Fehler gemacht haben.

Klarnamenpflicht sehe ich in einem ähnlichen Licht. Würde ich gerne darauf verzichten? Absolut. Sehe ich eine aufgebaute Hürde, die potentiell viele virtuelle Stammtischreden1 reduzieren würde? Absolut. Der Verlust der eigenen kleinen Freiheit für eine größere Lebensqualität der größeren Masse. Das nickt man entweder ab und nicht. Bei uns am Tisch gab es beide Optionen. An Vernunft und Intelligenz des anonymen Pöbels zu appellieren, hat online in den letzten 20 Jahren nicht so gut funktioniert.

Allerdings greife ich hier auch den Ansatz eines Freundes auf. Eine echte Ausweispflicht für Accounts ist sinnvoll, eine tatsächliche Darstellung von Klarnamen in allen Fällen kreiert neue Probleme. Meiner Meinung nach ist der Schaden aber schon unumkehrbar und diese Diskussion wurde mindestens zehn Jahre zu spät gestartet, wahrscheinlich, weil man noch auf die Vernunft der Menschheit hoffte, respektive noch keine ausreichenden Daten hatte, um den wahren Schaden beziffern zu können. Wirklich schade.

Schön war in dem Moment nur, wie unterschiedlicher Meinung wir sein können, ohne dass jemand unsachlich oder laut wird oder den Tisch verlässt. Geht also doch.


  1. Aufmacherbild von Luigi Zuccoli ↩

  • Schlagwörter:
  • Deutschland,
  • Leben,
  • Momentaufnahme.

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5 Kommentare

  • #1
  • Mi., 25. Februar 2026
  • ben_ schrieb:

Ich muss – wenn ich auf den aktuellen Stand des Internets blicke – ziemlich oft an das Zitat von Sören Kierkegaard aus seinen Tagebüchern denken …

„Die Tagespresse ist das Grundübel der modernen Welt; das wird sich im laufe der Zeit mit immerer größerer Deutlichkeit erweisen. Die Degenerationsfähigkeit der Presse kennt buchstäblich keine Grenzen, denn sie kann in der Wahl ihrer Leser immer noch tiefer sinken. Zuletzt wird sie jenen Abschaum der Menschheit aufpeitschen, den kein Staat und keine Regierung beherrschen kann.“

Einfach „Tagespress“ durch „Internet“ ersetzen und here we are. Das greift latürnich zu kurz und für viele, schweigende Menschen ist es auch ein Segen. Aber … das mit dem Aufpeitschen von dem Teil der Menschheit, den kein Staat und keine Regierung beherrschen kann ist eben auch ein erschreckend reales Szenario, bei dem ich nicht sagen könnte, in welche Richtung hier meine eigene moralisch Waage sich neigen würde.

  • #2
  • Mi., 25. Februar 2026
  • Chris_ schrieb:

Hat halt nen Grund, warum irgendwo niedergeschrieben ist, was beim Zusammenleben in einer Gemeinschaft erlaubt ist und was eben auch nicht. Wäre es anders, hätte es die Menschheit nicht so weit aus der Höhle heraus geschafft.

Bei digitalen Räumen fangen wir langsam an, mal drüber nachzudenken, ob dieser Ansatz vielleicht auch Vorteile haben könnte.

Vernunft lässt sich eben doch nicht herbeiwünschen, sondern maximal regulieren. Schade, aber Realität.

  • #3
  • Mi., 25. Februar 2026
  • André schrieb:

Ich bin mir nicht sicher ob die Klarnamenpflicht wirklich helfen würde.

Die Hemmschwelle ist gefühlt in den letzten Jahren extrem gesunken, so das auch Leute mit Klarnamen beleidigen und pöppeln.

(Immerhin habe ich das Gefühl das es gaaanz langsam lwieder etwas besser wird.)

  • #4
  • Do., 26. Februar 2026
  • Chris_ schrieb:

Die letzten Jahre hatte ich das Gefühl, Politik reagiert mit „Wir haben nichts probiert und uns sind alle Optionen ausgegangen“. Ich stimme zu, dass es keinen einzigen Schalter gibt, der das Problem verschwinden lässt, aber ein oder zwei Hürden wären mal einen Versuch wert. Davon bin ich überzeugt.

  • #5
  • Do., 26. Februar 2026
  • ben_ schrieb:

„Wir haben nichts probiert und uns sind alle Optionen ausgegangen“

Ich muss laut lachen! Eigentlich wollte ich aber sagen …

Immerhin habe ich das Gefühl das es gaaanz langsam wieder etwas besser wird

.

Das freut mich sehr, sehr zu hören. Ich kann das zwar nicht bestätigen, weil ich mich praktisch nirgendwo mehr herumtreibe, wo die Leute sich daneben benehmen. Aber das wäre ja mal wirklich etwas, wenn es nicht nur ein persönlicher Eindruck ist …

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