
Momentaufnahme
Beobachtungen aus einem Wartezimmer
Ich musste gestern nach sehr langer Zeit mal wieder in einem Wartezimmer verweilen. Das hasse ich genau wie jeder andere Mensch, allerdings habe ich in ganz jungen Jahren gelernt, viel allein zu warten. Insofern war es zwar unschön, aber was soll man sonst angesichts der gesundheitlichen Grundversorgung heute anders machen? In solchen Situationen beobachte ich meist meine Umgebung. In kleineren Räumen führt dies zwar manchmal zu mehr oder weniger unerwünschtem Blickkontakt mit anderen Wartenden, aber davon sind heute sowieso die meisten schnell eingeschüchtert und wenden den Blick wieder 45 Grad nach unten.
Was mich immer wieder überrascht: das Smartphone als Anker gegen die Langeweile. Ich weiß nicht genau, wann man nicht mehr dafür verspottet wurde, stundenlang auf ein Display zu starren, weil es plötzlich cool wurde und es jeder tat. Ich gebe zu, ich versuche dann meist, herauszufinden, was die jeweilige Person da genau konsumiert. Selten wird langer Text gelesen. Meistens sind es Content-Müllhalden im Muster des Doomscrollings. Von den neun anderen Personen las eine Dame ein gedrucktes Buch, eine andere starrte wie ich die Wände an und eine weitere, leicht ältere Dame blätterte durch alle kostenlosen Magazine, Zeitschriften und Hautkrebsvorsorge-Flyer, die in Griffweite lagen. Von allen im Raum schien sie am besten unterhalten gewesen zu sein.
Wartezimmer scheinen auch noch oft, wie Baustellen oder Handwerksstätten, die letzte Bastion des regulären, linearen Radios zu sein. Das mal wieder zu hören, war irgendwie toll. Bis zur Verfügbarkeit des Internets habe ich auch jetzt nicht viel, aber regelmäßig Radio gehört. Hip-Hop-Sendungen, die damals irgendwie die einzige Quelle für cooles, neues, unveröffentlichtes Material waren. Heute ist Radio bei mir so ein Auslöser für miese Erinnerungen an lange Autofahrten, auf der Rückbank des elterlichen PKWs sitzend. Als panisch im Autoatlas nach dem richtigen Weg gesucht werden musste, stieg schnell der Puls und proportional dazu sank die gute Laune. Das ist heute Radio primär für mich geblieben: Hintergrundrauschen, bevor jemand laut wurde. Schade eigentlich.
Der Höhepunkt gestern war aber ganz klar ein anderer wartender Mann1. Er könnte so mein Alter gewesen sein, wirkte aber älter. Bei seinem ersten lauten Telefonat hörte ich sofort eine Stimme mit mindestens 20 Jahren Tabak-Karriere. Das Telefon war so dermaßen laut gestellt, dass wahrscheinlich auch die Etage unter und über uns jedes Detail des „stinkenden Eiters“ mitbekommen hat. Die audiomediale Kür war aber nicht nur das Gekeifer seiner Partnerin am Telefon. Stattdessen hat er sein Telefon so konfiguriert, dass Louis de Funès Nein! – Doch! – Ohh! seine tonale Untermalung war, für jede Kurznachricht, die er empfing.
Als ich das einmal hörte, war es noch nett. Dann weniger nett. Dann nur noch nervig und der Auslöser wieder mal, die Menschheit insgesamt zu hinterfragen. Manchmal wünsche ich mir wirklich, einfach auch nur gefangen im Doomscrolling die Welt um mich herum ignorieren zu können.
Ich hab selten so still geschrien wie in diesem Wartezimmer.
Aufmacherbild: Der lästige Kavalier (1874) – Berthold Woltze ↩
3 Kommentare
Grossartiger Text. Ganz zauberhafte Prosa. Ein Genuss zu lesen.
Ich muss allerdings gestehen, dass ich Wartezimmer-Situationen völlig anders wahrnehme, also wirklich ganz völlig. Das liegt aber latürnich vor allem an meinem Kopf und was der so macht, wenn er nicht Dinge machen muss.
Ich gebe zu, Ben_: Normalerweise ist meine Wahrnehmung auch eine andere, aber momentan ist der Observierungsmodus in solchen Situationen eine einfache Lösung, um das reguläre Grübeln (was mir nicht gut tut) zu blockieren. Das wird hoffentlich auch mal wieder anders, aber bis dahin kann ich sowas hier schreiben.
Also damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Ich kann das völlig verstehen und kenne latürnich die Mischung von Mitmenschen gut, mit denen man zusammen im Wartezimmer wartet und auch den Impuls, mal genau hinzusehen, wer da alles ebenfalls das Wahlrecht hat. Nuuur … ich geniesse die Zeit im Wartezimmer immer als eine seltene und willkommene Pause, in der ich mal wirklich nichts machen muss und nur meinen eigenen Gedanken nachhängen kann. Und jetzt, da ich das sooo aufschreibe, ist latürnich klar, dass genau die gleiche Situation für Dich gerade ganz anders ist als für mich.