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Beast Mode – Aller Anfang ist holprig
  • Mo., 19. Oktober 2026
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Speak & Spell (1981) und Licensed to Ill (1986)

Beast Mode – Aller Anfang ist holprig

Debüts sind selten einfach und so wirken auch die ersten beiden Alben der Beast-Mode-Reihe wie zwei ganz verschiedene Versuche zweier Bands, die irgendwie nicht unterschiedlicher sein könnten, und dennoch, wie ich es erwartet habe, gewisse Parallelen aufzeigen. Speak & Spell von Depeche Mode erschien im Jahre 1981. Fünf Jahre später sieht die Welt mit Licensed to Ill das andere Debüt der Beastie Boys.

Diese 5 Jahre zwischen beiden Veröffentlichungen sind in der Popmusikwelt der 80er schon eine Ewigkeit. Allein die Technologie brach hier neue Grenzen auf, drum hört man zwischen beiden Alben auch klangtechnisch einen sehr großen Unterschied, der mag stilistisch sein, aber eben auch andere offensichtliche Gründe haben. 1985 ist kein 1981.

Speak & Spell hab ich zum ersten Mal gehört im Rahmen dieser Reihe. Licensed to Ill dagegen war eine meiner ersten selbst gekauften CDs damals und liegt hier noch irgendwo rum. Ich weiß aber auch nicht, wann ich von den Liedern zuletzt wirklich gehört habe, drum sind beide Alben irgendwie ein neues Erlebnis gewesen.

Speak & Spell

Natürlich kannte ich einige Songs dieser Band, ihren Stil, ihre grobe Entwicklung. Solch einen Anfang habe ich erwartet, insofern bleibt das Album ohne eine echte Überraschung. Mein Gesamteindruck ist eine Band mit einer klaren Vision, einem Ziel, aber einer Unsicherheit, welche Richtung, welche Geschwindigkeit zum Ziel führt. Hier hört man erste Schritte, fehlende Erfahrung und ganz viel Sorgfalt dennoch. Ich würde es als eine Casio-Keyboard-Ästhetik, einen Kraftwerk-Klon mit Drang in den Pop, bezeichnen. Das gesamte Album versprüht bei mir eine angenehme Leichtigkeit mit diesen super flachen Drums. Für mich sind auch viele Songs ungünstig oder vielleicht auch damals zeitgemäß abgemischt, weshalb bei vielen Titeln der Gesang zu sehr untergeht.

Das erste offizielle Video der Band.

New Life klingt wie ein Rezept für ein Gericht, das noch im Entstehen ist: Seifenblasen-Pop. I Sometimes Wish I Was Dead klingt nach einem zu kurzen Casio-Loop mit Barbershop-Vibes und macht aus den ersten beiden Liedern eine tanzbare Kombination, vermutlich Absicht. Mit Puppets folgt ein erstes Brett. So und nicht anders stelle ich mir einen frühen Prototypen dieses Genres vor. Relativ wenige Spuren, so variiert, dass hier erstaunlich viel Tiefe in der Komposition ist. Das ist super einfach eigentlich, aber es funktioniert bis heute. Hier fällt mir auch zum ersten Mal eine Kernzutat der Formel auf: der Synthesizer als Bassline-Ersatz. Leider folgt darauf mit Boys Say Go! vielleicht mein Tiefpunkt des Albums. Beach-Boys-Vibes mit Casio-Ästhetik.

Nodisco legt nach. Toll ungleichmäßig abgewischt auf beide Kanäle und mit wieder ganz viel Kraftwerk zwischen den Noten. Das Lied gefällt mir sehr und es lässt sich Zeit und wird gefolgt von What’s Your Name? dem zweiten Beach Boys Lied des Albums, das schon nach Sonnenöl riecht. Dieser Wechsel von großartig zu diesem Wurf ist schon ein derber Kontrast, der sich mit Photographic fortsetzt. Es geht von Seifenblasen-Pop wieder hin zum Darkroom-Techno. Photographic klingt für mich sehr heraus als Hybrid aus gewagt und der Formel folgend. Spannendes Werk. Bei Tora! Tora! Tora! wird man mutiger und bricht aus der strikten Schablone aus. Anfangs hielt ich es für ein Instrumental und war dann überrascht, dass dem nicht so ist. Komplexer und länger ist kein Song und mit Big Muff folgt eine ähnliche Zusammenstellung, die aber wirklich instrumental bleibt und die derbste Kraftwerk-Hymne des Albums ist. Wieder diese flachen Drums. An diesem Punkt bin ich recht satt davon. Big Muff ist beim ersten Hören cool, beim zweiten definitiv nicht mehr.

Any Second Now (voices) ist mein Höhepunkt dieses Albums, wie schon in der Tonspur notiert. So reduziert, so aus der bisherigen Struktur ausbrechend, die viele andere Lieder des Albums auszeichnet. Auch die Mischung hier ist so markant. Lead-Tonfolge links, Stimme Mitte, Konter-rechts. Sowas hört man heute selten und das ist schade. Mit Just Can’t Get Enough folgt wohl das populärste Lied dieses Albums. Leider irgendwie bei mir zu oft gehört, was schade ist, denn es ist einfach ein super-solides Popwerk und irgendwie wieder supermodern, aufgrund einer Eingängigkeit, die jeder auch noch mit 3 Promille im Blut mitsingen und tanzen kann. Aber das Album hebt sich einen starken Abschluss auf. Dreaming of Me klingt zwar teilweise nach einem substanzgetriebenen Einsingen, aber das tut dem Lied keinen Schaden. Hier wird noch mal eine Casio-Orgie aufgefahren und sie bleibt im Ohr hängen. Irgendwie klingt dieses Ende noch mal nach einer Mischung aus allen Songs zuvor, denn selbst subtile Beach-Boys-Vibes sind wieder da.

Licensed to Ill

Hip-Hop, als Genre, war von Anfang an produzentengetriebener als viele andere. Das hat zum einen viel mit Talent und Erfahrung zu tun, aber eben auch damit, welche Technik man sich leisten konnte. Rick Rubin war von Anfang an jemand, der einen absurden Sound kreieren konnte. Licensed to Ill ist als Album heute irgendwie in meinen Ohren mehr ein Rick-Rubin-Album, ein Walk this way Teil 2, als das Debüt seiner neuen Band. Diese Mischung aus Gitarren-Rock und Drum-Machine dominiert viele, aber nicht alle Lieder, und ähnlich wie Speak & Spell gibt es auch einige derbe Ausreißer.

Auch Klassiker altern nicht immer gut.

Rhymin & Stealin ist eine bemerkenswerte Eröffnung, die gleich eine Ansage macht, was den Rest des Albums auszeichnet: E-Gitarren, Rock-Drums (analog und synthetisch) und diese markante Art des Rap, eine Mischung aus Gebrüll, Gegröle sowie das Muster der Überlappung und des Abwechselns aller Stimmen, ganz im Stil einer Live-Aufführung. Das ist die Run-DMC-Formel, leicht abgeändert und der Hautfarbe seiner Künstler noch rockiger angepasst. Klingt aber bis heute surreal fett.

The New Style ist eine fast schon zu derbe Kopie des Run-DMC-Aerosmith-Crossovers, aber leider gut und in vielen Samples selbst recycelt, nicht grundlos. She’s Crafty folgt mit dem besten Tapete-von-der-Wand-holenden Riff des Albums und ist eine Hymne auf ein Frauenbild, das heute mehr als ein Augenzwinkern erfordert. Das Lied ist aber großartig, auch weil es mehr variiert, sogar mit Momenten der totalen Stille.

Posse in Effect wird plötzlich elektronischer und klingt irgendwie leer im Vergleich zum Lied davor und dann ist das dieser massive Hall-Effekt. Für mich ein Tiefpunkt des Albums. Slow Ride ersetzt Gitarren mit einer Art synthetischer Karibik. Mit Girls folgt ein Song, der so auch Speak & Spell komplettieren würde. Beach-Boys-Vibe und Casio. Alles dabei und inhaltlich spirituelles Sequel zu She’s Crafty.

Mit Fight for Your Right folgt die Party-Hymne einer Generation und funktioniert noch heute. Klangtechnisch ist das die Signatur dieses Albums und eine weitere Cross-over-Ästhetik, die an diesem Punkt noch funktioniert, aber als Zuhörer setzt bei mir hier langsam eine Sättigung ein. Das Video ist legendär wie der Song selbst. No Sleep till Brooklyn: Eine weitere Legende, aber nur mehr der gleichen Formel und eben gelernt: Rubin selbst spielt hier die Gitarre. Ich erinnere mich auch sehr, den sehr oft zu Schulzeiten auf diversen Veranstaltungen mitgegrölt zu haben.

Jetzt wird es spannend. Paul Revere ist ein Blick in die damalige Zukunft dieser Band und super-einfach, von einem Trick lebend – die rückwärts abgespielten 808-Drum – und genau deshalb so anders gut. Bis heute ist dies ein Stilmittel im Genre. Paul Revere ist genial und leitet den hip-hop-lastigeren Teil des Albums ein, denn auch Hold It Now, Hit It ist weniger Rock und mehr Live-Hip-Hop-Jam. Passend dazu folgt mit Brass Monkey ein Breakdance-Track und eine Hymne an den Alkohol.

Miami bass ist ein eigenes Subgenre im Hip-Hop und hier in gedrosseltem Tempo die gleiche Formel unter dem Titel Slow and Low. Ein Lied, um die Nachbarn zu ärgern oder die Karosse des alten Polos zum Klappern zu bringen. Time to Get Ill schließt das Album ab und das als eine Art eigenes Mini-Mixtape: Elektro, Rock, Hip-Hop: Hier ist alles drin und es wirkt etwas wie eine Fusion, eine Resterampe verworfener Ideen, aber wer nur einen Song hören mag, der klangtechnisch das komplette Album abbildet, dann diesen hier.

Im Vergleich

Ein direkter Vergleich ist fast schon unfair, denn Speak & Spell wirkt wie ein eigener Versuch, etwas wirklich Neues zu schaffen, während Licensed to Ill bombastisch klingt, dies aber eben nur eine bekannte Formel Rubins präsentiert, und offenbar war dies auch für die Band ein Problem, denn dies ist das einzige Album mit diesem Produzenten. Die Beastie Boys bekommen Bonuspunkte für das Cover, das im Laufe der Jahre besser und besser reift und schon mehrfach kopiert wurde. Inhaltlich ziehe ich viele Punkte ab, denn machen wir uns nix vor, postpubertäre Party-Mucke bleibt auch gut gemacht recht inhaltsleer, was nicht heißen soll, dass Speak & Spell hier den Pulitzer verdient. Das Beastie-Boys-Debüt gewinnt musikalisch recht einfach, es bleibt ein Goliath, aber Speak & Spells David hat hier mehr gelernt als die Konkurrenz.

Was beide Werke auszeichnet und dafür sorgt, dass nicht nur ich 40 Jahre später drüber schreibe, sind diese so markanten und im Ohr bleibenden Tonfolgen. Alles, was Pop damals und heute auszeichnet, ist hier schon drin, wenn auch noch unfertig. Mit Abstand würde ich auch sagen, dass Licensed to Ill die Blaupause ist, was Ende der 90er mit Nu-Metal als Cross-over-Genre weltweit immens erfolgreich wurde. Das muss man Rubin schon lassen, diese Idee war nicht nur gut, sondern schon damals auch bemerkenswert umgesetzt.

Für mich geht diese Serie gut los. Zwei hörenswerte Alben, die schon im zweiten Wurf große Unterschiede ans Licht bringen. Bevor es das nächste Duell gibt, legen Depeche Mode mit A Broken Frame im nächsten Teil einen Solo-Auftritt hin.

  • Schlagwörter:
  • 80s,
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  • Musik.

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