
Film des Tages
Alpen
Nach Poor Things und Bugonia ist bei mir der Name Yorgos Lanthimos ein Indiz für sehenswertes Kino. Plötzlich sah ich dann, dass einer seiner früheren Filme im lokalen Kino gezeigt wurde, im Rahmen des Soziologiestudiums der Universität hier. Dementsprechend war das Publikum, welches primär aus Studentinnen und Studenten bestand, aber so war der Saal voll und entgegen meiner üblichen Erfahrungen verhielten sich wirklich alle vorbildlich, vielleicht auch, weil der Film schnell jede und jeden gefesselt zu haben schien. Alpen ist verdammt gut.
Viel möchte ich nicht verraten. Als ich eine kurze Zusammenfassung las, war ich schnell überzeugt. Es geht um eine Gruppe, die einen Service anbietet, verstorbene Angehörige zu “ersetzen”. Unsere Protagonistin wird gespielt von einer wundervollen Angeliki Papoulia, die primär den Film trägt.

Als eine der Dozentinnen eine Einführung zum Film vortrug, fiel es ihr schwer, passende Adjektive zu finden, und sie landete schließlich bei weird. Nun Alpen ist tatsächlich ein seltsamer Film. Der Film skizziert viele Kurzporträts dysfunktionaler menschlicher Beziehungen und selbst gute Intentionen ersticken am Ende im Chaos. Hinzu kommt, dass der Plot einfach gut konstruiert ist. Warum dieser Regisseur so groß und gut geworden ist, ist kein Zufall. Der Film ist unangenehm, bietet keine emotionale Belohnung, kein Happy End, aber das muss es eben auch nicht immer geben.
Alpen weckt Erinnerungen an Kids und Requiem for a Dream, aber der Film ist nicht so absolut nihilistisch. Er versucht, seinen Heldinnen und Helden echte Momente der Wärme und Nähe zu geben, aber diese perlen am Ende einfach haltlos an ihnen ab. Es ist kein einfacher Film, kein simpler Film. Dies ist fortgeschrittene Kost, dies ist etwas Markantes mit Fundament. Absolute Empfehlung.
5 Kommentare
Die Cineastin an meiner Seite war vom Trailer direkt angetan. Ich bin vom neuen Kopf der Startseite ganz angetan. Überhaupt habe ich das zum Anlass genommen, hier nochmal ein paar Seiten abzuklappern. Hast Du das Archiv auch neu gemacht? So oder so: Sehr elegant!
Ich glaube, der Film wird euch gefallen.
Aber ja, ich verändere hier ganz marginal Details, weil ich für einen großen Wurf keine Notwendigkeit sehe und auch aktuell nicht die kreative Energie dafür habe.
Danke 🙂
Das Einzige, was mir noch negativ gerade zum Film einfällt, was der Text nicht erwähnt: diese verwackelten Handheld-Aufnahmen bei einigen Dialogen, ganz im Stil von The Office was so verdammt unnötig und anstrengend zu sehen ist. Ich frage mich jedes Mal, warum man diesen Stil bevorzugt.
Ich hab diesen Handkamera-Stil ja für im Rahmen von Dogma 95 zum ersten Mal bewusst als Stilmittel wahrgenommen und wegen der grossartigen Filme, die es zunächst hervorbrachte sehr gefeiert, auch weil mir die Idee dabei direkt schnell einleuchtete. Aber vermutlich trägt sich sowas einfach nicht beliebig lang.
Und es fällt unangenehmer auf, wenn es eine Mischung aus Handheld und fixer Kamera gibt, so wie auch in diesem Film, und ich merke, es ist auch eine Frage des Älterwerdens. Ich habe Probleme, bei solchen verwackelten Bildern mit den Augen wirklich zu fokussieren, und ich verstehe im fiktionalen Kontext nicht, welches Problem dieser Stil lösen soll, denn für mich kreiert er nur Ablenkung von den eigentlichen Stärken des Schauspiels. Es ist unmöglich, Mikrobewegungen der Mimik wahrzunehmen.