
Angehört
Bush.ida Live
Irgendwann bin ich ausgestiegen aus deutschem Hip-Hop oder wie es heute reduziert und betitelt wird: Rap. Vielleicht kann ich es wirklich so formulieren: Als sich die Kultur nur noch im Mainstream auf diese eine Säule reduziert hat, verlor sie mich als Konsumenten vieler neuer Künstler. Zeitlich würde ich das mit dem Aufkommen Berlins als neue Hauptstadt der Kultur Anfang der 2000er einordnen. Deutscher Gangsta-Rap war und ist noch lächerlicher gewesen als der bis dahin so erfolgreiche Bildungsbürger-Rap. Immerhin wussten die noch, welch pure Unterhaltung sie waren, und konnten über sich selbst lachen.
Heutige Künstlerinnen und Künstler dagegen haben maximal ein Zeitfenster von 30 Sekunden, um aus der Masse herauszustechen, und mit subtilen Texten, coolen Flows und zurücklehnenden Beats, wird dies schwierig. Mir persönlich ist diese neue Interpretation der Kultur einfach zu einsilbig, zu monoton, zu am Anschlag. Besonders für Künstlerinnen scheint zum einen der Weg linearer, aber auch schmaler zu sein. 30 Jahre nach Cora E., geht es um Feminismus und Sexualität, meist beides in schöner Kombination. Lady Bitch Ray ist ein erster Name auf dem deutschen Musikmarkt, die hier die Schablone dagelassen hat, aber auch nur als spätes Erbe eines Salt’n’Pepa.
Gestern sah ich eine Künstlerin live, die man durchaus als fast schon dritte Generation einer Salt’n’Pepa-Erblinie sehen darf. Bush.idas Wikiseite beschreibt sie als queer-feministische Deutschrapperin, welche Samstag hier in einem Szeneschuppen ihre 60 Minuten abgeliefert hat, und das durchaus beeindruckend, auch wenn ich als Mittvierziger-Cis-Mann im Publikum herausstach. Soviel zum Thema „Komfortzone testen“.
Am Ende ging ich mit gemischten Gefühlen wieder nach Hause. Zum einen ist es ok, wenn ich nicht alles im modernen Hip-Hop mögen muss. Ich bin mir auch sicher, dass das primär sehr junge weibliche Publikum des Abends mit 90er-Golden-Age-Rap nichts anfangen kann. Die Dame gestern liefert eine durchaus sehenswerte Vorstellung ab und das kann ich genießen und respektieren. Rap live zu performen ist anspruchsvoller, als es wirkt, und benötigt Ausdauer und Atemtechnik, die live schnell die Spreu vom Weizen trennt. Die Dame gestern hatte es drauf.
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