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Fremdschämen als Nationalsport

Fremdschämen als Nationalsport

Man hat als Medi­en­kon­su­ment in den letz­ten 4 Wochen eini­ges aus­hal­ten müs­sen. Hinzu kommt, dass ich als pri­mä­rer Internet-Nutzer, immer nur den Gip­fel des Eis­bergs prä­sen­tiert bekomme. Die pein­lichs­ten Sekun­den wer­den als Mittags-Snack bei YouTube, völ­lig aus ihrem Kon­text geris­sen, prä­sen­tiert. Da sahen wir die völ­lig über­for­derte Mode­ra­to­rin, die live kom­men­tie­ren sollte, was nie­mand in Worte fas­sen kann. Die­ser Situa­tion ist Sym­bol für alles was in den letz­ten 20 Jah­ren in nicht nur bei uns in Deutsch­land schief gelau­fen ist.

Es ist zur Unter­hal­tung gewor­den, einem Men­schen beim Ver­sa­gen zu beob­ach­ten. Mehr als die Hälfte aller TV-Inhalte dreht sich prak­tisch nur noch um das Tes­ten der mensch­li­chen Würde. Wie weit gehen Zuschauer und Kandidaten/Gäste mit?

Fremd­schä­men bezeich­net diese unan­ge­nehme Mischung aus Mit­leid und Ver­ach­tung. Ganze Dok­tor­ar­bei­ten schei­nen sich dem Thema gewid­met zu haben und beschrei­ben peni­bel, wann und wie die Würde des Men­schen der Unter­hal­tung geop­fert wurde. Es gibt viele Fra­gen die­ser Tage. Warum erschie­ßen sich Schü­ler gegen­sei­tig? Warum dür­fen ein­zelne über das finan­zi­elle Schick­sal gan­zer Stat­ten ent­schei­den? Alles lässt sich irgend­wie auf die­ses Thema zurück­füh­ren.

Wenn man zur bes­ten Prime­time sehen darf, wie das Ver­sa­gen glo­ri­fi­ziert wird, dann spricht das Bände. Es inter­es­siert nicht mehr, was da für ein Mensch ist, der von moder­ner Ppop­mu­sik unter­legt, Trä­nen über die eigene Leis­tung ver­liert. Der see­len­lose Cut­ter die­ser Sen­dung zeich­net ein abstra­hier­tes Bild, leich­ter zugäng­lich als die Rea­li­tät. Dies ist ein Comic ohne gezeich­nete Bil­der. Es ist ein­fach, es ist erfolg­reich, es ist ver­ach­tens­wert.

Man muss keine Gesetze ändern, um Aus­wüchse einer Gesell­schaft zu begren­zen, die sich im Kern mehr und mehr dem Mit­tel­al­ter nähert. Ich bin mit einem Fern­se­hen auf­ge­wach­sen, dass ver­gli­chen mit heute prak­tisch pures Bil­dungs­fern­se­hen war. Meine prä­gen­den TV-Jahre waren domi­niert von dem, was man heute über­has­tet als Sit­com ent­wer­tet. Es waren 24 Minu­ten, in denen noch wirk­lich Werte ver­mit­telt wur­den. Es war Unter­hal­tung, in der sich die fik­tio­nale Fami­lie noch umein­an­der sorgte und nicht gegen­sei­tig ver­klagte, beschimpfte, nach­stellte und ernied­rigte. Sol­che Vor­füh­run­gen sind schlim­mer als alle Kil­ler­spiele zusam­men.

Fremd­schä­men ist Zeit­geist. Es scheint Bal­sam für die geplagte Seele der Leis­tungs­ge­sell­schaff. Es ist media­les Opium für die Unter­schicht und es ergänzt sich so wun­der­schön mit der Sen­sta­ti­ons­lust, was man prak­tisch abar­tig per­fek­tio­niert im Winnenden-Fall erle­ben durfte. Man musste sich ent­schei­den für wen man sich mehr schä­men sollte: den Repor­ter oder den ant­wor­ten­den Bür­ger. Ver­sagt haben alle Regeln des gesun­den Men­schen­ver­stan­des bei bei­den.

  • #1
  • Di, 31. März 2009
  • ben_ schrieb:

Punkt.

Allein, was hier Ursa­che und was hier Wir­kung ist, ist glaube ich nicht so ein­fach zu sehen. Das ist eine der Leh­ren, die die Journalismus-Forschung aus dem Viet­nam­krieg und der Rolle der Medien darin gezo­gen hat: Die Stim­mung im Land ist nicht wegen der Bericht­er­stat­tung gegen den Krieg gekippt, son­dern sie haben sich par­al­lel gewan­delt. Jour­na­lis­mus von bewirkt alleine nichts, was nicht schon wenigs­tens als Anlage in der Gesell­schaft vor­han­den ist. Häu­fig ist Jour­na­lis­mus nicht mehr als ein Spie­gel.

Wenig ver­wun­der­lich eigent­lich, bedenkt man dass doch auch der Jour­na­lis­mus nicht außer­halb des Kapi­ta­lis­mus lebt.

  • #2
  • Do, 02. April 2009
  • Caelestis schrieb:

Ich finde es geschmack­los was in der letz­ten Zeit im deut­schen TV läuft. Ange­fan­gen bei der Super Nanni wo über­for­derte Eltern sich selbst vor der gesam­ten Nation lächer­lich machen, über Gerichts­voll­zie­her­shows bis zu der Bericht­er­stat­tung von Win­nen­den. Daher bleibt mein Fern­se­her bis auf Fuß­ball­über­tra­gun­gen und der täg­lich Folge South Park aus.

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