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Misery

Misery

Ich mag kleine Filme. Wenige Figuren, noch weniger Lokalitäten und möglichst wenige Handlungsstränge. Misery ist so ein Film und ein so furchtbar altmodischer dazu. Er erzählt die Geschichte des Kitsch-Autors Paul Sheldon der durch einen Unfall in die Sorgfalt eines fanatischen Fans gerät. Für Annie Wilkes ist Paul das Zentrum ihres Universums und durch Schicksal nun ins eigene abgeschiedene Häuschen verschlagen, werden wir Zeuge einer sehr gut inszenierten Kammergeschichte. Mehr muss man über den Film eigentlich nicht mehr schreiben. Er lief und läuft so oft noch immer im Fernsehen, dass er mittlerweile sehr viele Zuschauern gefunden haben sollte. Die Vorlage zum Film stammt von Stephen King und ist wahrscheinlich die beste Filmadaption seiner Werke.

Aus heutiger Sicht funktioniert die Logik des Films eigentlich nicht mehr. Zu viele Hürden der Handlung wären heute durch Technologie leicht überwindbar, aber genau deshalb behält der Film bei mir immer seinen Charme. Natürlich ist die Qualität der einzelnen Zutaten bei so einem einfachen Werk entscheidend und Misery ist nur so gut wie seine beiden Hauptdarsteller. Es gibt nur noch wenige Rollen für weniger Mainstream gerechte Frauen wie Kathy Bates, damals und noch heute es ist. Es ist schwierig sich irgendjemand anders als Annie Wilkes vorzustellen, zu sehr ist Schauspieler und Rolle miteinander verbunden. Nicht grundlos hat sie hierfür den Oscar bekommen und wenn man den Vergleich mal zu 2010 zieht, dann hat sich doch viel verändert. 2010 gabs mehr Trostpreise als echten Lohn für aktuelle Leistung.

Lange bevor Torture Porn nur feuchter Traum eines geldgeilen B-Movie Regisseurs war, zeigt Misery wie man dieses Genre dominiert ohne anzuwidern. Die „Schlüsselszene“ ist kurz, noch immer unglaublich fies anzusehen, aber die Gewalt ist hier nicht eigentlicher Inhalt. Viel mehr dominiert der Kampf Verstand gegen Wahnsinn den Film und Bates spielt auch nur mit dem, was James Caan als Paul Sheldon liefert. Als sein akribisch ausgearbeiteter Plan wieder und wieder misslingt, muss man als Zuschauer mit ihm leiden, ohne das Gewalt gezeigt wird. Das ist smartes Kino, auch wenn die Spannungsbrocken im Film sich dann doch abgenutzt haben. Die Schnitte zwischen Bates und Caan, als sie wieder zum Haus kommt und er panisch wieder in sein Zimmer möchte, sind dann doch sehr direkt parallelisiert.

Den Hintergrund der Annie Wilkes Figur hätte man sich sparen können. Diese Frau definiert sich einzig durch die vorherigen Filmminuten, man braucht ihr keinen noch düstereren Hintergrund per Zeitungsüberschrift verpassen. Vermutlich dienen diese Szenen nur, als Brücke um den Sheriff auf die Spur kommen zu lassen, aber das sind alles Randdetails, die vom sauberen Kern nicht ablenken. Misery ist noch heute ein sehr guter und einfacher Film. Mainstream-Horror ohne Übernatürliches, eine Art verfilmtes Theaterspiel mit zwei wirklich sehenswerten Darstellern, die sogar eine ordentliche deutsche Synchronisation bekommen haben.

„God came to me last night and told me your purpose for being here. I am going to help you write a new book.“

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