17
05

David Lynch’s Blue Velvet

David Lynch’s Blue Velvet

Nach vie­len episch-großen Kino­wer­ken, wird es mal Zeit für etwas im klei­ne­ren Rah­men, viel­leicht auch mal etwas, was nicht jeder auf Anhieb kennt. Beim Suchen der Leone-DVD aus einem vor­he­ri­gen Ein­trag, fiel Blue Vel­vet ins Auge. Ewig nicht ange­schaut und trotz­dem unver­ges­sen, soll der Film jetzt zum Thema wer­den. Aus der Reihe Filme, die man so schnell nicht ver­ges­sen wird:

Blue Velvet Titel

Die­ser Film ist von einem gewis­sen David Lynch. Jedes­mal wenn ich die­sen Namen lese oder höre muss ich schmun­zeln, aber nicht weil er etwa Komödien-Klassiker ver­filmt hat, son­dern auf­grund eini­ger Simpsons-Folgen, die Lynch’s Werke immer per­fekt in der Serie ver­ar­bei­tet haben. Da gibt es diese eine Folge, in der Homer Twin Peaks schaut, und auf der Matt­scheibe tanzt grad der Haupt­dar­stel­ler mit einem Reh. Ein wei­te­rer Lynch-Gag zeigt Homer fas­zi­niert von einem sin­gen­den Eich­hörn­chen, wäh­rend im Hin­ter­grund sub­til kleine Details die Sze­ne­rie unwirk­lich erschei­nen las­sen. Mit der glei­chen abso­lu­ten Ahnungs­lo­sig­keit wie Homer Sim­psons, wird sicher­lich jeder Lynchs Film-Werke beim ers­ten mal auf­neh­men. Will­kom­men in abge­dreh­ten Welt von David Lynch, in der nichts so ist wie es scheint. It’s a strange world.

Blue Velvet - Intro

so selt­sam wie fas­zi­nie­rend

Blue Vel­vet ist mit das Beste1 was Lynch bis­her auf die Lein­wand gebracht hat. This is some fucked up movie im bes­ten Sinne. Die­sen Film zu beschrei­ben geht über sprach­li­che Gren­zen.

Will­kom­men in Tum­ble­ton, einem idy­li­schen Städt­chen in der ame­ri­ka­ni­schen Pro­vinz. Der Film beginnt mit einem älte­ren Her­ren, der gerade sei­nen Rasen im Gar­ten wäs­sert. Kurze Zeit spä­ter liegt er zuckend am Boden, den Gar­ten­schlaum wei­ter in der Hand hal­tend, einem Hund über sich bel­lend und einem Klein­kind, das sich vom Hin­ter­gund her nähert. Die­ses Bild setzt den Grund­ton des Films. Dies ist die abge­drehte Welt von David Lynch, wo nichts so ist wie es scheint.

Blue Velvet - das abgeschnittene Ohr

ein abge­t­ren­tes Ohr führt zum Kern der Hand­lung

Der eben gese­hene Mann wacht im Kran­ken­haus auf, sein Sohn besucht ihn und führt somit gleich­zei­tig den Held des Films ein, Jef­frey Beau­mont (Kyle MacLach­lan)2. Auf dem Weg vom Kran­ken­haus, fin­det Jef­frey ein abge­schnit­te­nes Ohr im Gras lie­gen und bringt es zur Poli­zei. Die Neu­gier lässt ihn nicht los und er ver­sucht durch Kon­takt zum Police Detec­tive Wil­liams, mehr Infor­ma­tio­nen zu sei­nem unge­wöhn­li­chen Fund zu erhal­ten. Dabei trifft er auf Sandy, der Tocher des Detec­tives. Beide ver­su­chen nun auf eigene Faust den Fall des abge­schnit­te­nes Ohres zu klä­ren und tref­fen dabei auf die Nacht-Club-Sängerin Doro­thy Val­lens (Isa­bella Ros­sel­lini) - deren typi­scher Song eben Blue Vel­vet ist.

Frank is medium height and stocky with a burr hair cut. He is wea­ring a tight blue t-shirt and an old black sports jacket. He’s got on a pair of blue jeans and boots. He has a raw, mean sexua­lity - a “bomb about to go off” - pre­sence. 

Doro­thy steht irgend­wie in Ver­bin­dung mit einem gewis­sen Frank Booth (Den­nis Hop­per), der vom ers­ten Augen­blick an, nicht der Held des Films zu sein scheint. Der Rest des Films klärt die Bezie­hun­gen aller Cha­rak­tere zuein­an­der und erklärt letzt­end­lich auch die Her­kunft des abge­schnit­te­nen Ohres. Mehr möchte ich zur Hand­lung auch gar­nicht schrei­ben, denn Blue Vel­vet lebt pri­mär von der Unwis­sen­heit des Zuschau­ers. Bis zur Hälfte des Films wusste ich beim ers­ten mal abso­lut nicht worum es hier über­haupt gehen soll. Zu sur­real wir­ken ein­zelne Sze­nen und spä­tes­tens die Ein­füh­rung des Frank-Charakters kippt die kom­plette Idylle aus ihren Fugen.

Die Dar­stel­lung der Doro­thy Val­lens ist auf dem glei­chen Level wie Den­nis Hoppers’s Frank. Isa­bella Ros­sel­lini wächst über sich hin­aus. Es heißt in der berühm­ten “Spread your legs”-Szene, wäre sie wirk­lich unbe­klei­det gewe­sen.

Blue Velvet - Dorothy Vallens Blue Velvet - Dorothy Vallens Blue Velvet - Dorothy Vallens

Blue Vel­vet scheint David Lynch’s Ver­sion des Film Noir zu sein. Eine im Kern ein­fa­che Geschichte, die von ihren teil sku­ri­len Cha­rak­te­ren und Sze­nen lebt. Der Film ist eigent­lich nur eine Bühne für den Frank Booth Cha­rak­ter, der zwei­fel­los zu den bes­ten Böse­wich­ten der Film­ge­schichte gehört. Wenn Jef­frey im Schrank ste­hend, heim­lich und ahn­ung­los das Spiel zwi­schen Frank und Vale­rie beob­ach­tet, dann ist der Zuschauer genauso gelähmt wie die Figur im Film. Diese Szene spielt per­fekt mit dem Voy­eu­ris­mus des Zuschau­ers. Man bekommt exakt da zu sehen was es braucht, um die Szene funk­tio­nie­ren zu las­sen, ohne kom­plett in die B-Movie-Kategorie zu ver­fal­len. Die kom­plette Szene lässt alle drei Haupt­cha­rak­tere zusam­men­kom­men und ver­setzt dem Zuschauer dabei einen kräf­ti­gen Schlag in die Magen­ge­gend. Eine sehr ver­stö­rende Szene.

The apart­ment is very large. All the fur­ni­ture is over-stuffed. In the room there is a very much over-weight WOMAN dres­sed in black and a greasy-looking COUPLE. On the couch, a YOUNG WOMAN plays with a large doll. 

Der Film beweist auch wun­der­schön wie kleine Details eine eigent­lich eher schnöde Hand­lung, unver­gess­lich machen kön­nen. Blue Vel­vet lebt von sei­nen, im bes­ten Sinne des Wor­tes, ver­rück­ten Cha­rak­te­ren, in deren Zen­trum der Den­nis Hop­per Cha­rak­ter, die viel­leicht beste Show lie­fert. Hop­per war auch in Apo­ca­lypse Now in einer ande­ren Welt, aber wo dort noch Dro­gen als Intia­li­sa­tor dien­ten (die Geschich­ten um die­sen Film sind legen­där), so schafft er es hier wohl auch ohne Sti­mu­lan­zien zu beein­dru­cken.

Blue Velvet

kleine Makel und was bleibt

Blue Vel­vet ist nun kein Film der Welt­ge­schichte schreibt. Die eigent­li­che Geschichte ist eher dünn und schon dut­zend­fach erzählt wor­den. Auch ist der Film so spe­zi­ell, dass das zwei­tes oder drit­tes Anse­hen schwie­rig wird, weil dann umso mehr die schwa­che Story durch­kommt. Man war­tet immer auf die über­ra­schende Wen­dung der Hand­lung. Sie kommt aber nicht. Trotz­dem bleibt eine gewisse Logik im Spiel, was man nicht von allen Lynch-Filmen mehr erwar­ten kann.

Blue Velvet - Frank

Den­nis Hop­per als Frank Booth in Best­form

Beim ers­ten Anse­hen jedoch tra­gen die Cha­rak­tere den Film auf mäch­tig brei­ten Schul­tern. Sämt­li­che Cha­rak­tere besit­zen das gewisse Etwas. Den­nis Hop­per ist fast schon zu domi­nant, seine Figur grenz­wer­tig zum Comic. Man war­tet fast immer auf die nächste Szene von ihm. Alles dazwi­schen geht irgend­wie unter, weil es nicht so fucked up wie Frank Booth ist. Beson­ders nach der ers­ten oben ange­spro­che­nen Szene, fällt die Span­nung erst­mal ab.

“Don’t look at me, Fuck. I shoot when I see the whi­tes of the eyes. You like me?” Frank 

Der Film ist ein typi­scher Davin Lynch. Er zeigt das Häss­li­che hin­ter den Kulis­sen der achso fei­nen Idylle. Domi­nanz scheint eines der vor­der­grün­di­gen The­men zu sein. Die Figur des Frank Booth ist Schal­blone für einen eigent­lich über­zeich­ne­ten, aber den­noch fas­zi­nie­ren­den Böse­wicht. Eine Mischung aus Darth Vader und Henry Fonda’s Frank (sicher­lich nicht grund­los mit glei­chen Namen) aus Ser­gio Leone’s Western-Epic. Er braucht nicht viel mehr als eine 5 Minu­ten­szene, um so schnell nicht mehr ver­ges­sen zu wer­den. Wie gut der Film immer noch funk­tio­niert, zeigt auch die sehr hohe Wer­tung bei Rot­ten Toma­toes. Ins­ge­samt betrach­tet auch heute noch ganz gro­ßes Kino.

Das krea­tive Erbe von Blue Vel­vet scheint übri­gens damals eine TV-Serie Namens Picket Fen­ces 3 ange­tre­ten zu haben. Das Kon­zept war ziem­lich nah an Blue Vel­vet ange­lehnt. Idy­li­sche Vor­stadt, sku­rile Ein­woh­ner mit allen mög­li­chen Macken und schließ­lich pro Folge ein noch absur­de­rer Rechts­streit, teil­weise mit Mor­den, teil­weise ein­fach nur grund­le­gend selt­sam (u.a. Tiere tra­gen mensch­li­ches Embryo aus).

Blue Velvet

Blue Vel­vet ist die Marke Film, die heute eigent­lich unmög­lich gewor­den sind. Es ist ein Studio-Film mit Independent-Inhalten, auch des­we­gen hat der Film an der Kino-Kasse ver­sagt. Wer in einen Film mit sol­chen Namen geht, erwar­tet keine grenz­wer­ti­gen Inhalte. Kri­ti­ker lob­ten den Film durch­weg und auch die Preis­ver­lei­hun­gen mein­ten es gut mit Blue Vel­vet. Die Qua­li­tät und Sub­stanz lässt sich auch heute noch auf die Dar­stel­lung von Hop­per und Ros­sel­lini redu­zie­ren. Blue Vel­vet ist das wor­auf es ankommt. Fil­mi­scher Mini­ma­lis­mus: wenige kleine Dreh­orte, kleine Hand­lung, aber rie­sige Dar­stel­ler.


  1. meine Top-3 von David Lynch: Eraser­head, Blue Vel­vet, The Ele­phant Man 

  2. Kyle MacLach­lan war lange Zeit Stamm­be­set­zung bei David Lynch u.a. als Dar­stel­ler in Dune und spä­ter Twink Peaks. 

  3. Picket Fen­ces lief bei uns äußerst erfolg­reich im TV. Bis heute gibt es keine Region 2 DVDs und keine Neu­auf­lage im Fern­se­hen. Die ein­zig ver­füg­ba­ren Quel­len sind hier­zu­lande im recht­li­chen Schat­ten zu fin­den. Wo blei­ben die DVDs? 

[…] unknown wrote an inte­res­ting post today on David Lyn­châ

Kommentar schreiben
safari bug

Vorschau:

HTML ist in Kommentaren zugelassen. Erlaubt sind die HTML-Tags:
<a href>, <i>, <p>, <strong>, <em>, <ul>, <ol>, <li>, <blockquote>.
Alle themenfremden oder persönlichkeistverletzenden Beiträge werden gelöscht, also immer schön sachlich argumentieren.

schrieb: